Sicher auf den 8.000er?

Max Berger über Risiken bei hochalpinen Projekten
Max Berger am Berg | © Max Berger

Übersicht

Veröffentlicht am 11.10.2021, Lesedauer: 5 Minuten

Bei ambitionierten hochalpinen Projekten ist das Thema Sicherheit nicht nur eines von vielen, sondern DAS Thema. Max Berger, professioneller Alpinist, Extrembergsteiger und Geschäftsführer der Bergsportfirma Petzl, weiß, was es bedeutet, am Berg durch die Hölle zu gehen. Bei seinem Aufstieg zum K2 kam es am Flaschenhals auf ca. 8.300 m zum Abbruch wegen Lawinengefahr und zum anschließenden Abflug mit dem Paragleit-Schirm aus 8.000m: Er musste jedes Detail x-fach bedenken und lebenswichtige Entscheidungen treffen – wie jene, den Gipfel auszulassen. Im Interview erzählt er, welche Sicherheitsbedenken im hochalpinen Gelände eine Rolle spielen.

SPORT 2000: In welchen „Schritten” würdest du die Berggipfel nach Risiko-Klassen einteilen? Ist ein 5.000er so gefährlich wie ein 7.000er? Wie kann man sich das vorstellen?

Max: Die Höhe ist nur ein Kriterium beim Bergsteigen, viele 3.000er und 6.000er sind anspruchsvoller als einige 8.000er. Man kann nicht von Risikoklassen sprechen, da jeder Berg einzeln zu bewerten und einzuschätzen ist.

SPORT 2000: Vor allem „niedrigere” Gipfel (bis 3.000 m) verleiten dazu, die Sicherheit auf die etwas leichtere Schulter zu nehmen. Trotzdem kann einiges passieren. Welche Message/Anekdote hast du für solche Unterfangen?

Max: Egal, ob ich eine Bergtour im Alpenvorland oder auf einen hohen, vergletscherten Gipfel vorhabe, die exakte Planung muss immer im Vordergrund stehen und Sicherheit immer das oberste Gebot sein. Die meisten Unfälle ereignen sich bekanntlich beim Wandern und nicht bei großen alpinen Unternehmungen. Klar, der Planungsaufwand einer Expedition ist nicht vergleichbar mit einem leichten 4.000er; die Eckpunkte müssen für beides dennoch stimmig sein.

SPORT 2000: Wie lange dauert die Planung, um alle Sicherheitsaspekte für eine Bergtour auf einen 8.000er zu berücksichtigen?

Max: Das ist nicht in Stunden zu beantworten. Um sich an seine Grenzen zu begeben, ist langjährige Erfahrung und monatelange Planung nötig. Alle Gefahren können nie ausgeschlossen werden. Wichtig ist, dass man auch immer gewisse Ausstiegs- oder Rückzugsszenarien im Hinterkopf behält. Die Entscheidung umzudrehen, sollte man sich immer offen lassen, um sie bewusst treffen zu können. Umdrehen ist oft viel schwieriger, als weiterzusteigen. Jeder hat für sich zu entscheiden, welches Risiko er eingehen will. Bergsteigen ohne Risiko ist nicht möglich.

Max Berger | © Max Berger

SPORT 2000: Was zählt zur Basisausrüstung in Sachen Sicherheit bei Bergtouren und was darf niemals fehlen?


Max: Dabeihaben sollte man auf jeden Fall alles für die Erstversorgung (z. B. Erste-Hilfe-Set), ein Mobiltelefon zum Absetzen eines Notrufs (auf Expedition sogar ein Satphone), einen Biwaksack, um in Notsituationen reagieren zu können, eine Stirnlampe, und wenn die Tour durch den Schnee führt, auch ein LVS-Gerät, eine Schaufel und eine Sonde. Alles weitere – wie etwa Pickel und Steigeisen – wählt man je nach Tour. In guten Tourenbeschreibungen wird darauf auch hingewiesen.

SPORT 2000: Welche Rolle spielt das Equipment allgemein bei hochalpinen Touren?


Max: Die Ausrüstung ist neben dem persönlichen Können der entscheidende Faktor zum Erfolg. Falsches oder mangelhaftes Equipment kann dich ganz schnell in lebensgefährliche Situationen bringen.

SPORT 2000: Was ist zu tun, wenn etwas passiert ist – wie verhält man sich richtig?


Max: Als erstes wird ein Notruf via Mobiltelefon abgesetzt. Wenn man in Gebieten unterwegs ist, wo der Empfang ein Problem sein könnte, bietet sich der Einsatz eines Satelliten-Telefons oder eines Geräts an, das im Notfall eine SMS abschickt (z. B. „SPOT”). Darüber sollte man sich allerdings schon bei der Tourenplanung im Klaren sein.
Dann sollte man sofort so gut wie möglich Erste Hilfe leisten: Den Körper warmhalten (Aludecke) sowie auf eine Unterlage legen, damit er nicht am kalten Untergrund (z. B. Schnee) liegt und je nach Unfallsituation agieren. Wenn man zu zweit unterwegs ist, sollte einer die nächste Hütte aufsuchen, um Hilfe zu holen. Auch deshalb ist es eine gute Idee, nie alleine aufzusteigen. Danach bleibt nur noch das Warten auf die Hilfskräfte. Ein selbst durchgeführter Abtransport ist so gut wie nie möglich oder sinnvoll, denn dazu bräuchte es Know-how und eigene Gerätschaften.

Max Berger beim Paragleiten | © Max Berger

SPORT 2000: Wie verhält man sich, wenn einem die Zeit davon läuft und es dunkel wird?


Max: Schon in der Tourenplanung sollte ein großzügiges Zeitfenster für so eine Situation eingeplant werden. Wichtig dafür ist, dass man die Gruppe bzw. sich selbst sehr gut kennt.

Wenn wirklich so ein Fall eintritt, muss man über den eigenen Schatten springen und zeitgerecht umdrehen. Dabei hilft es, wenn man schon beim Hinweg den Rückweg im Hinterkopf mitdenkt und eine adaptive Planung macht, also sich immer wieder ausrechnet, wie lange man für einen Abstieg von der aktuellen Position aus unterwegs wäre.

Wenn sich auch das nicht mehr ausgeht, dann muss man – schon bevor es dunkel wird – ein Biwak einrichten. Die wichtigsten Schlagworte dafür: Biwak-Sack plus Stirnlampe, windgeschützte Stelle (z. B. in einer Schneewächte oder nahe am Fels) und unbedingt das Biwak kennzeichnen, falls jemand nach einem sucht!

SPORT 2000: Welche Tipps hast du in Sachen Sicherheit, wenn plötzlich dichter Nebel aufzieht?


Max: Wenn es im Vorhinein schon Zweifel im Wetterbericht gibt, dann auf jeden Fall umplanen oder mehrere Optionen offen lassen. Noch sicherer wäre, einfach eine andere Tour zu gehen.
Wenn der Nebel dann doch früher kommt, sitzen bleiben, warmhalten und abwarten.

Hilfsmittel wie GPS (Markierungspunkte beim Aufstieg setzen) können unterstützen, zum nächsten Lager oder in die nächste Hütte zu finden.

SPORT 2000: Bist du selbst schon einmal in eine schwierige Lage gekommen am Berg?


Max: Je mehr man unterwegs ist, desto öfter kommt man in schwierige Situationen. Alle Gefahren oder Schwierigkeiten können auch durch eine genaue Planung nicht ausgeschlossen werden. Klar bin auch ich oft in brenzlige Situationen geraten und mit einem blauen Auge davongekommen. Aus solchen Umständen sollte man seine Lehren ziehen und diese künftig vermeiden.

Max Berger am Berg | © Max Berger

SPORT 2000: Wie behältst du bei besonders brenzligen Situationen einen kühlen Kopf, um rational und sicher und nicht emotional zu entscheiden? Hast du dazu Tipps für andere oder eine innere Checkliste, eine Pro-und-Contra-Liste?


Max: Das ist wirklich reine Erfahrung, es gibt hier für mich keine Abkürzung im Kopf. Was man aber sagen kann: Man entscheidet rationaler, wenn man in einer Gruppe ist und überlegt, was die nächsten Schritte sind.

SPORT 2000: Selbsteinschätzung ist nicht jedermanns Sache, gibt es einen Punkt, wo du sagst, bis hierher und weiter nur mit Bergführer?


Max: Das hängt sehr von der Persönlichkeit ab. Manche trauen sich zu wenig zu, manche glauben, sie sind extrem fit. Hier hilft vor allem die Meinung von anderen. Einfach mal Feedback einholen und nachfragen: Glaubst du, ich kann das?
Die Tour sollte allgemein immer auf das schwächste Glied angepasst werden. Die Erfahrung kommt mit der Zeit, dann lassen sich diese Dinge auch besser einschätzen.

Aufpassen sollte man auch auf körperliche Gefahrenzeichen wie Ermüdung, erhöhte Atmungsfrequenz, Übelkeit, Schmerzen in Füßen und Knie.

SPORT 2000: Bezogen auf die Ausbildung, um Gefahren einschätzen zu können: Was würdest du ambitionierten Bergsteigern empfehlen?


Max: Wer den vollen Genuss beim Bergsteigen haben will, sollte einen staatlich geprüften Bergführer engagieren, welcher die Tour plant und sich um das Sicherheitskonzept kümmert. Wer selbständig agieren will, sollte gewisse Ausbildungskurse besuchen, um seine eigenen Erfahrungen machen zu können. Nach und nach kann man mit einer gewissen Grunderfahrung auch selbständig auf den Weg gehen.

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