Tourenfelle

Die Geschichte der Steigfelle ist so lang wie die Geschichte des Alpinismus selbst. Mit den Jahrzehnten haben sich die Steighilfen zu kleinen technologischen Besonderheiten entwickelt.

Geschichte der Steigfelle

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Diese haarige Geschichte beginnt nicht in den Alpen, sondern im hohen Norden. Denn es waren die Nachfahren der Wikinger, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Seehundfelle unter den Skiern befestigten. Weil diese Felle aber teuer und die Tiere allzu herzig waren, wurde die Produktion um 1930 herum eingestellt. Die Rolle des bevorzugten Rohstofflieferanten übernahm nun die Mohairziege. Mit ihrer innen hohlen Faser bietet das geschmeidige Haar gutes Steig- und Gleitverhalten. Allerdings erst, nachdem der Fellflor beim Webprozess in eine Richtung gelegt wurde. Womit die Materialfrage zunächst einmal zur Zufriedenheit aller gelöst war. Blieb noch das Problem der Befestigung.
 
In den 1930ern wurden die Felle mit Klister unterm Ski befestigt. Weil aber das klebrige Zeugs immer auf den Skiern haften blieb, wechselte man bis in die 60er auf Trimafelle, die mit einer Schiene in der Mittelrille des Skis befestigt wurden. Und zu Vinersa- und Favorit-Fellen mit aufgenietetem Endhaken. Für Eduard Koch und Hans Fischli waren diese Systeme aber nicht gut genug. Deshalb entwickelten sie die ersten Klebefelle mit einem speziellen Kleber und neuem Befestigungssystem mit Spitzenspanner und Endhaken, dem eine 40-jährige Erfolgsgeschichte beschieden war. Es folgten sukzessive Verbesserungen in allen möglichen Bereichen wie Klebemittel und Fellaufbau. Die mittlerweile sehr unterschiedlichen Skimodelle und deren Taillierung stellten weitere Herausforderungen an Felle und Befestigungssysteme. Gerade letztere änderten sich mit der Einführung flexibler Modelle, weil der Spitzenspanner allein die immer breiter werdenden Schaufeln nicht mehr abdecken konnte.

Klebe-Technologien

Neben den klassischen Klebern aus organischen Harzen gibt es mittlerweile auch solche auf synthetischer Basis. Ihr Vorteil: mehr Klebekraft auch bei großer Kälte. Ganz neu sind Silikonkleber und Hybride. Bei letzteren nutzt man eine Adhäsionstechnik der neuesten Generation. Hier ist der Kleber aus zwei unterschiedlichen Lagen aufgebaut. Die Haftschicht hält das Fell zuverlässig am Skibelag. Sie lässt sich mühelos abziehen, hinterlässt keine Rückstände und funktioniert auch bei tiefen Temperaturen und mehrmaligem Auffellen. Eine zweite Lage Spezialkleber schafft die Verbindung zwischen dem Fellrücken und der Haftschicht. Die Vorteile dieser allerneusten Technologie: gute Haftung, keine Nachbeschichtung notwendig, Verschmutzungen lassen sich mit etwas Spülmittel entfernen und das Fell kann am Gipfel ganz einfach zusammengelegt werden.

Fellmaterial und Fellpflege

Eingesetzte Materialien

Mohairfaser teuer ist, mischt man zunehmend auch synthetische Fasern wie Nylon bei. Meist in einem Verhältnis von etwa 70 zu 30. Manche Hersteller setzen auch auf reine Synthetikfelle. Deren Gleiteigenschaften liegen zwar etwas unter den der Mohair-Modelle, dafür punkten sie mit einer längeren Lebensdauer. Bei hochwertigen Fellen liegt diese etwa zwischen 60 und 100 Touren. Womit sich die Frage nach der Pflege stellt.

Pflege

Tatsächlich bedürfen die Felle ähnlicher Fürsorge wie die Laufflächen der Ski. Sonst besteht bei gewissen Schneebedingungen die Gefahr, dass der Schnee an den Fellen hängen bleibt. Das geschieht zumeist dann, wenn sie zu wenig imprägniert oder gewachst sind.

Ein kleiner Test für Zuhause: Perlt Wasser überwiegend tropfenförmig von der Felloberfläche ab, ist alles in Ordnung. Andernfalls sollte das Fell mit Imprägnierspray oder entsprechendem Wachs behandelt werden. Man kann auch ein gewöhnliches Skihartwachs oder spezieles Fellwachs auftragen.

Der richtige Schnitt bei Steigfellen

Vor allem in der Skimitte ist es wichtig, dass die Felle passen. Sprich unter der Bindung, wo der Druck ausgeübt wird. Hier soll das Fell idealerweise vier bis sechs Millimeter schmäler sein als der Ski, damit die Kanten frei bleiben. Die benötigt man nämlich dringend beim Überschreiten von harschigem Schnee und vereisten Passagen. An den Skienden sollte der Abstand zwischen Kante und Fell auf jeder Seite ca. 8 bis 10 Millimeter betragen. Für Modelle mit extremer bzw. extrem breiter Taillierung gibt es sogenannte Multifit-Zuschneidesteigfelle. Zum Glück erweist sich Zuschneiden als relativ einfache Angelegenheit. Wenngleich fertige Felle den selbst zugeschnittenen vorzuziehen sind. Ganz einfach deshalb, weil sie werkseitig randversiegelt sind.

Lagerung von Steigfellen

Klebeseite an Klebeseite


Nachdem die Felle im Einsatz waren, sollte man sie niemals aufrollen oder offen aufbewahren. Viel besser ist es, sie Klebefläche an Klebefläche zusammen zu legen. Gerade geschnittene Felle faltet man in der Mitte. Taillierte Carvingfelle deckt man auf einer Länge von ca. 30 cm im vorderen Bereich mit der Originalfolie ab und legt sie erst dann Klebeseite auf Klebeseite zusammen. Auf diese Weise verhindert man das Austrocknen des Klebers an den Rändern. Die wichtigste Regel fürs Lagern auch den Punkt gebracht lautet also: Keine geklebte Fläche darf frei bleiben, um das Verschmutzen und Austrockenen des Klebers zu vermeiden.

Flexible Befestigungssysteme

Bei den ganz neuen flexiblen Befestigungssystemen wird ein hochwertiger Kunststoff-Endhaken mit verstellbarer Lasche auf das Fellende aufgeklebt und nicht mehr vernietet. Der Endhaken ist verstellbar und wird durch Aufkippen fixiert. Den Gummispanner an der Skispitze gibt es hier nicht mehr. Das Fell wird an der Schispitze mit einem Metallbügel einfach eingehängt, wodurch es bereits auf der Schischaufel am Belag klebt.
 
Der Vorteil: Es kann kein Schnee mehr zwischen Ski und Fell gelangen. Spitzenbügel und Endhaken sind auswechselbar. Für sehr breite Schaufeln gibt es Bügel in entsprechendem XL-Format.
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