Südpolexpedition

Christoph Höbenreich erreichte den Südpol powered by SPORT 2000

Mit Ski zum Südpol – 90 Grad Süd

Ausgehend vom Punta Arenas am südlichen Ende Chiles startet Christoph Höbenreich sein Abenteur zum südlichsten Punkt der Erde. Mit einem sechsköpfigen, internationalen Team geht es mit Pulkaschlitten und Tourenskiern durch eine faszinierende Landschaft. Rundherum begleitet sie nichts als Weiß, völlige Abgeschiedenheit und Kälte. Lesen Sie mehr über seine abenteuerliche Reise auf den Spuren des Norwegers Roald Amundsen und des Brite Robert Falcon Scott und deren berühmten Wettlauf um die Eroberung des Südpols.
 
Skiexpedition Südpol Januar 2015
Auf unserem Planeten gibt es wohl kaum eine abgelegenere und schwieriger zugängliche Region als das Innere Antarktikas – von den Tiefen der Ozeane einmal abgesehen. Antarktika ist ein Kontinent der Extreme: Der südlichste, kälteste, trockenste und stürmischste Kontinent der Erde. In seinem Zentrum liegt auf ca. 2.700 Meter Seehöhe der Geographische Südpol, wo auf 90 Grad südlicher Breite alle Meridiane der Erde zusammenlaufen und sich die Erde um ihre Achse dreht. Ein legendärer Ort mit magischer Anziehungskraft für Abenteurer und ambitionierte Polarskiläufer.
 
 

 

 

 

 

 



 
In unmittelbarer Nähe des Pols betreiben die USA die legendäre Amundsen-Scott-Forschungsstation. 1911 starteten der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert Falcon Scott ihren berühmten Wettlauf um die Eroberung des Südpols. Von der Küste des Ross-Eisschelfs und bis zum Pol hatten sie eine Distanz von 1.300 Kilometern und die gleiche Strecke wieder retour zurückzulegen. Sie stießen seinerzeit in völlig unbekanntes Terrain vor und brachen noch mit der Ungewissheit auf, jemals wiederzukehren. Die Berichte dieses Wettlaufs mit all seinen Entbehrungen und Opfern lassen uns eisige Schauer über den Rücken laufen: Während Amundsen als Sieger hervorging, starben Scott und seine gesamte Mannschaft auf dem Rückweg an Hunger, Entkräftung und Kälte.
 
Dieser geographisch wie historisch so bedeutsame Punkt war das Ziel unserer sechsköpfigen Ski-Last-Degree Expedition im Januar 2015. So konnten auch wir einen Hauch davon verspüren, was die Pioniere und Entdecker einst erlebt und mitgemacht haben müssen. Heute, im Zeitalter von Satellitenbildern, gibt es zwar auf der Erde kein unentdecktes Land mehr. Selbst die Antarktis ist mehr oder weniger „bekannt“. Doch auch wenn sich beim Blick auf unsere perfekte Polarkleidung, sturmstabile Zelte, energiereiche Expeditionsnahrung, modernste Satellitennavigations- und Kommunikationsgeräte sowie die Möglichkeit einer Notfall-Evakuierung per Flugzeug jeder Vergleich verbietet, so ist die südpolare Wildnis heute noch genauso gefährlich und lebensfeindlich wie vor hundert Jahren. Und auch genauso schön.

Zum Autor Dr. Christoph Höbenreich

Der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer, Polarführer und promovierte Geograph Dr. Christoph Höbenreich verbrachte bislang auf 19 Polarexpeditionen über eineinhalb Jahre im Eis der Arktis und Antarktis. Er leitete die US-Polarbasis Vinson Base Camp, unternahm Skiexpeditionen zum Nord- und Südpol und durchquerte den Archipel Franz Josef Land, die Insel Südgeorgien und Queen Maud Land mit Skiern sowie Grönland mit Hundeschlitten.

Ausführlicher Bericht

Antarktika, der südlichste, kälteste und trockenste Kontinent, ist eine Welt der Superlative. Abgelegen, unzugänglich und lebensfeindlich wie keine andere Wüste, wurde das antarktische Polarplateau seit Beginn des 20. Jahrhundert zum Ziel wagemutiger Abenteurer. Mit der Entdeckungsgeschichte Antarktikas sind die Namen großer Polarpioniere wie Roald Amundsen und Ernest Shackleton untrennbar verbunden. Auch heute noch stellt eine Ski-Expedition auf dem letzten Breitengrad zum Südpol hohe Anforderungen an die Teilnehmer. Der Tiroler Christoph Höbenreich begleitete ein internationales Skiteam zum südlichsten Punkt der Erde.

1911 starteten der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert Falcon Scott ihren berühmten Wettlauf um die Eroberung des Südpols. Von der Küste des Ross-Eisschelfs und bis zum Pol hatten sie eine Distanz von 1.300 Kilometern und die gleiche Strecke wieder retour zurückzulegen. Sie stießen seinerzeit in völlig unbekanntes Terrain vor und brachen noch mit der Ungewissheit auf, jemals wiederzukehren. Die Berichte dieses Wettlaufs mit all seinen Entbehrungen und Opfern lassen uns eisige Schauer über den Rücken laufen: Während Amundsen als Sieger hervorging, starben Scott und seine gesamte Mannschaft auf dem Rückweg an Hunger, Entkräftung und Kälte.

Heute, im Zeitalter von Satellitenbildern, gibt es zwar kein unentdecktes Land mehr. Auch die Antarktis ist mehr oder weniger „bekannt“. Dennoch besitzt der geographische Südpol nach wie vor eine magische Anziehungskraft für Abenteurer und ambitionierte Polarskiläufer. Er liegt im Inneren des Kontinents auf rund 2.700 Meter Höhe, wo auf 90 Grad südlicher Breite alle Meridiane der Erde zusammenlaufen und sich die Erde um ihre Achse dreht. In unmittelbarer Nähe des Pols betreiben die USA die legendäre Amundsen-Scott-Forschungsstation.

Dieser geographisch wie historisch so bedeutsame Punkt war das Ziel unserer sechsköpfigen Polarski-Expedition im Januar 2015. So konnten auch wir einen Hauch davon verspüren, was die Pioniere und Entdecker einst erlebt und mitgemacht haben müssen. Auch wenn sich beim Blick auf unsere perfekte Polarkleidung, sturmstabilen Zelte, energiereiche Expeditionsnahrung, modernsten Satellitennavigations- und Kommunikationsgeräte sowie die Möglichkeit einer Notfall-Evakuierung per Flugzeug jeder Vergleich verbietet, so ist die südpolare Wildnis heute noch genauso gefährlich und lebensfeindlich wie vor hundert Jahren. Und auch genauso schön.

Unsere Reise beginnt in Punta Arenas, dem Tor zur Antarktis am südlichen Ende Chiles. Von dort aus fliegen wir kurz nach Neujahr mit einer speziell für Landungen und Starts auf Eispisten gebauten Iljuschin IL-76 über 3.000 Kilometer weit nach Süden zur amerikanischen Polarbasis Union Glacier in den Ellsworth Mountains. Eine halbe Stunde vor der Landung senkt der Pilot die Innentemperatur und fordert uns auf, in die Polarkleidung zu schlüpfen. Gespannt verfolgen wir den Anflug auf die mehrere Kilometer lange, blanke Eispiste über einen Bildschirm. Die auf- und absteigende Horizontlinie und die immer wieder aufheulenden Triebwerke vermitteln uns einen Eindruck davon, wie der Pilot die Windböen geschickt austariert und den Koloss dann sanft wie eine Schneeflocke landet, behutsam abbremst, ohne ins Schleudern zu kommen, und schließlich zum Stillstand bringt.

Antarktika! Endlich sind wir auf dem großen Eiskontinent. Glasklare, eiskalte Luft, blauer Himmel und eine weite, weiße Unendlichkeit. Mit Raupenfahrzeugen werden wir in die nur wenige Kilometer entfernte Polarbasis Union Glacier transportiert. Hier wollen wir zwei Tage bleiben und die letzten Vorbereitungen für unsere Skireise zum südlichsten Punkt der Erde treffen. Doch nach über 20 Jahren in den Polargebieten weiß ich, dass man in der Arktis und Antarktis keine exakten Zeitpläne schmieden sollte. Und so überrascht es mich auch nicht sonderlich, als uns der Stationskommandant informiert, dass wir nicht wie geplant am kommenden Tag ausfliegen können, sondern vorerst noch einen Tag warten müssen. Nach dem letzten Satellitenbild liegt in unserem Zielgebiet eine tiefe Wolkenbank, die keine Landung erlaubt. Für die Außenlandungen im freien Gelände müssen beste Sicht- und Kontrastverhältnisse herrschen, um das Risiko einer harten Landung auf unebener Schneeoberfläche oder gar einer Beschädigung des Landefahrwerks zu vermeiden. Wir nützen den gewonnenen Tag für weitere Vorbereitungen und eine Trainingsskitour mit Pulkaschlitten.

Schon am darauffolgenden Morgen bekommen wir ein OK für den Flug zu unserem Startpunkt. Wir räumen unser Lager, packen die Schlitten und genießen noch ein letztes Frühstück in der Basis. Im Funk-Zelt vereinbare ich einen Kommunikationsplan. Jeden Tag exakt zur gleichen Zeit werde ich mich melden, unsere Position und unseren „Status“ mitteilen müssen. Aus Sicherheitsgründen.

Dann fliegen wir in einer kanadischen Twin Otter über die spektakulären Gipfel der Ellsworth Mountains zu dem über 1.000 Kilometer entfernt liegenden Startpunkt unserer Ski-Expedition auf dem antarktischen Südpolarplateau. Stundenlang sehen wir nichts als weiße Ebene unter uns. Nur einmal setzen wir auf halbem Weg in der Nähe der Thiel-Mountains kurz auf, um in einem vorab eingerichteten Treibstoff-Depot die Tanks des Skiflugzeuges zu befüllen. Nach dem knapp halbstündigen Stopp mitten im Eis geht es noch ein paar Stunden weiter bis auf 89 Grad südlicher Breite, von wo wir dann den letzten Breitengrad mit Skiern aus eigener Kraft zurücklegen wollen. Der Pilot dreht einige Runden, um eine geeignete Landefläche ausfindig zu machen. Die Twin Otter ist der „Jeep“ unter den Flugzeugen: Stark, wendig, stabil und mit Schwimmern für Gewässer, mit Ballonreifen für unbefestigtes Tundragelände oder – wie bei uns – mit Skiern für Schneeflächen sehr flexibel einsetzbar.

Wir sehen die Schneefläche und den Schatten unseres Flugzeuges unter uns immer näher kommen. Eine kurze Bodenberührung und kurz darauf die definitive Landung im Nirgendwo, erstaunlich sanft und ohne harte Schläge. Die Motoren heulen auf und bringen die Twin Otter auf 89 Grad südliche Breite und 40 Grad westliche Länge in 2.750 Meter Seehöhe zum Stillstand. Bis zum Südpol auf 90 Grad südlicher Breite sind es noch exakt 111 Kilometer Luftlinie.

Wir steigen über die Leiter und setzen unsere dicken Polarschuhe in den weichen Pulverschnee. Klirrende Kälte schlägt uns entgegen. Rasch wird die Maschine entladen, dann erhebt sie sich wieder in die Luft, dreht nach Norden ab und verschwindet. Es ist himmlisch. Millionen kleinster Eispartikel schweben in der Luft und glitzern im Sonnenschein. Kaum Wind und absolute Stille. Keine Spuren im Schnee. Kein Zeichen von Menschen. Nicht einmal ein Kondensstreifen am Himmel. Wir stehen mitten in der größten Eiswüste und Schneefläche der Erde. Rund um uns nichts als Weiß, Weiß, Weiß. So ausgesetzt und weit weg von allem kann man sich wohl nirgendwo sonst auf der Erdoberfläche unseres Planeten fühlen. Jetzt sind wir wirklich „da draußen“.

Um uns in den ersten und entscheidenden Tagen der Akklimatisationsphase nicht zu überfordern, richten wir gleich hier am Landepunkt unser erstes Lager ein. So weit im Süden wirkt die Höhe auf unsere Körper wie 3.500 Meter in den tiefwinterlichen Alpen. Unsere Atem- und Pulsfrequenz ist erhöht. Damit der Zeltaufbau auch bei den klirrenden Temperaturen von minus 30 Grad Celsius schnell und sicher erfolgen kann, habe ich alle Zeltstangen zuvor präpariert und das Polarzelt entsprechend vorbereitet, damit es blitzschnell aufzurollen und mit wenigen Handgriffen aufzustellen ist. Minutenlang Alustangen auszulegen und zusammenzustecken wäre viel zu umständlich und in einem Sturm zu gefährlich. Nach einer genau festgelegten Methode bauen wir die Zelte von nun an jeden Tag auf. Schnell werden alle Handgriffe zur Routine und jeder weiß bei der Lagerarbeit genau, was er zu tun hat.

Ich nutze in unserem ersten Lager die Gelegenheit, alle Navigationsinstrumente in Ruhe zu justieren, die genaue Ortszeit entsprechend unserem Längengrad zu berechnen und die Deklination zu ermitteln, also den Winkel zwischen der magnetischen und der geographischen Südrichtung, welcher insbesondere bei der Navigation mit dem Kompass berücksichtigt werden muss. Mit jedem Längengrad werde ich die Deklination in den kommenden Tagen neu berechnen, um nicht etwa am Südpol vorbeizulaufen. Mit dieser im Vergleich zur modernen Satellitennavigation geradezu archaisch anmutenden Methode lässt sich auch während des Marschierens mit einem kurzen Blick genau navigieren. Zur Absicherung des Ergebnisses – vor allem aber aus Spaß an der Navigation – kontrolliere ich die Werte dann und wann auch mit Hilfe der Sonne und der Uhrzeit. Besonders spannend ist es im Whiteout, wenn bei diffusem Licht trotz vergleichsweise guter Sicht alle Kontraste verschwinden, sodass man jede Orientierung verliert. Ich lasse mich jedoch weder durch Instinkte beirren und folge dem Kompass, der uns exakt auf unseren Kurs Süd hält.

Skireisen auf dem letzten Breitengrad zum Südpol werden oft unterschätzt, ist doch in der Ebene weder mit Absturz- oder Lawinengefahr noch mit gefräßigen Landraubtieren zu rechnen wie in der Arktis. Hier lauern dafür subtilere Gefahren. Beispielsweise bedeutet die völlige Abgeschiedenheit und die eingeschränkte Möglichkeit einer Rettung nach einem Unfall für manch einen eine unerwartet starke psychische Belastung. Auch die enorme Kälte von unter minus 30 Grad Celsius, die durch den Wind noch verschärft wird, birgt natürlich Gefahren: Bei einem Windchill von minus 45 Grad Celsius gefühlter Temperatur gefriert freiliegende Haut binnen weniger Minuten. Von vielen wird zudem die Höhe, auf der man sich befindet, unterschätzt, die durch die Ausdünnung der Atmosphäre am südlichen Ende der Erde noch deutlich höher wirkt. Immer wieder übernehmen sich Südpolläufer gerade in der sensiblen Startphase, die eigentlich der Akklimatisation dienen sollte. Die größte Gefahr in der extrem trockenen Welt der inneren Antarktis ist jedoch – und das ist vielen nicht bewusst – die Feuergefahr. Wird in Zelten mit Benzinkochern unsachgemäß hantiert oder ergibt sich eine Fehlfunktion, kann mit den leicht entflammbaren Kunststoffmaterialen schnell eine im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährliche Situation entstehen. Und Löschwasser ist in der Eiswüste keines vorhanden.

Am ersten Tag lassen wir es gemütlich angehen, schlafen uns aus und marschieren gerade einmal drei Stunden mit unseren Schlitten. Im Schnitt müssen wir jedoch pro Tag knapp 14 Kilometer zurücklegen, um wie geplant in acht Tagen den Südpol zu erreichen. Das klingt nicht viel, bedeutet aber dennoch ein ordentliches Maß an Disziplin und Ausdauer. Damit jeder seine Kräfte gut einteilen kann, gehen wir täglich sechs bis sieben Etappen zu jeweils exakt 60 Minuten, gefolgt von einer fünf- bis zehnminütigen Pause, um die Kleidung zu richten, etwas zu essen oder ein paar Schluck heißen Tee zu trinken. Länger zu stoppen, würde uns in der eiskalten Luft sofort auskühlen. Nur mittags ziehen wir die dicken Polardaunenjacken über und machen eine etwas längere Rast, um uns zu stärken.

Allein für den Widerstand gegen die Kälte benötigt der Körper viel Energie und Nahrung. Deshalb heißt unsere Devise beim Kalorien zählen eher: Je mehr, desto besser. Am Morgen bereiten wir uns im Zelt Müsli mit Milch zu und trinken gezuckerten Tee. Im Verlauf des Tages gibt es dann energiereiche Nüsse, Trockenfrüchte und Mandelschokolade. Am Abend wird schließlich kulinarisch richtig aufgetischt: Suppe, Chips und gesalzene Erdnüsse, Salami und Speck als Vorspeise, eine warme Hauptmahlzeit, die aus gefriergetrockneter Expeditionsnahrung mit geschmolzenem Schnee gekocht wird, und heiße Schokolade sowie einem Schluck Birnenschnaps als Nachspeise. Am zeitraubendsten ist das tägliche Erhitzen des Wassers. Da der Schnee extrem trocken ist, muss man sehr große Mengen schmelzen, um ein paar Liter Flüssigkeit zu erhalten. Dabei ist Vorsicht geboten: Da die Luft und der Schnee so trocken sind, verdunstet er im Topf, noch bevor er schmilzt. Um zu verhindern, dass der trockene Topf mit Schnee anbrennt, füllen wir vorher immer etwas Wasser aus der Thermosflasche ein. Solche kleinen Tricks, die kalorienreiche Nahrung, unsere warme und winddichte Polarkleidung, die Wärme erzeugende Aktivität und die gemütliche Lagerausrüstung machen uns das Leben in der Antarktis nicht nur erträglich, sondern tatsächlich sogar relativ angenehm.

Die Sonne kreist innerhalb eines Tages einmal um den Horizont. Bei 24 Stunden Tageslicht gibt es keinen Mangel an Zeit und man läuft nicht Gefahr, von der Dunkelheit überrascht zu werden. Doch gerade in der traumhaften Mitternachtssonne muss man aufpassen, dass man erstens genug schläft und zweitens im Zeitplan bleibt und nicht trödelt. Mit unseren Polarskiern und den kleinen Pulkaschlitten ziehen wir Kilometer für Kilometer, Stunde für Stunde, Tag für Tag durch die Einsamkeit. Beladen mit Proviant, Ausrüstung und Brennstoff wiegen die Plastikschlitten beim Start 45 bis 50 Kilo, verlieren jedoch durch den Verzehr der Lebensmittel täglich etwas an Gewicht. Die Landschaft, durch die wir laufen, ist im Großen monoton, die Schneeoberfläche im Detail aber sehr vielfältig. Stürmische Winde haben Muster und Formen gefräst und lassen die Oberfläche wie ein erstarrtes Meer aus Eiswellen erscheinen. Dieses „Eismeer“ ist faszinierend, aber nicht gerade angenehm zu begehen. Der eiskalte Schnee ist rau wie Schmirgelpapier. Und immer wieder bleiben die Schlitten an kleinen Eiskanten hängen oder ruckeln und zerren an unseren Zuggurten.

Da das Eis um uns herum relativ wenig Abwechslung bietet, hat während des Gehens jeder Zeit für sich, kann die Gedanken fliegen lassen. Kein Handy, kein Fernseher, keine Nachrichten. Allein das Hier und Jetzt zählt. In der reizarmen Welt lenkt nichts den Blick ab. Nicht einmal der Himmel ist durch Kondensstreifen gestört. Es gibt auch keine Gerüche. Wir hören nur das Säuseln des Windes und das Knirschen unserer Skier. Ist es nicht allzu anstrengend, erhält das Gehen geradezu einen meditativen Charakter. Ab und zu gönnen wir uns einige Stunden Musik aus dem MP3 Player. Es sind herrliche Tage mitten im Südpolarsommer.

Plötzlich reißt mich der Anblick mehrerer Punkte am Horizont aus den Tagträumen. Mit dem Fernglas erspähe ich die Gebäude und Türme der Südpolstation. Durch die klare Luft ist die große Station zwar schon von Weitem erkennbar, aber noch ist der Südpol für uns über zwei Tagesreisen weit entfernt. Wenige Stunden später wird die Station sogar vorerst wieder aus unserem Blickfeld verschwunden sein. Nach über einer Woche Leben auf dem Eis erreichen wir schließlich die amerikanische Forschungsbasis Amundsen-Scott. Meine Gefühle sind zwiespältig: In die Freude über das Erreichen unseres Zieles mischt sich nicht nur Wehmut über das Ende unserer Skireise. Irgendwie wirkt die Station auf mich auch wie ein Fremdkörper, der die Harmonie des Eises stört. Beim Anblick der Gebäude und herumstehenden Fahrzeuge verliere ich das Gefühl, in der Wildnis zu sein, und fühle mich mit einem Schlag zurück in die Zivilisation versetzt. Es ist eine unrealistische, romantische Traumvorstellung, aber hier sollte eigentlich nur Amundsens windzerzaustes Zelt als Denkmal menschlichen Pionier- und Abenteuergeistes stehen, schießt es mir durch den Kopf.

Dass wir wieder in die Zivilisation eintauchen, signalisieren uns aber nicht nur die Gebäude, sondern auch die Tatsache, dass wir uns bei unserer Ankunft sofort an eine strikte Anweisung der US-Stationsverwaltung halten müssen: Wir dürfen uns nur aus einer bestimmten Richtung nähern. Da hier geschäftiger Fahr- und Flugzeugverkehr herrscht, dient das zwar auch unserer eigenen Sicherheit, vor allem aber müssen wir als Skiläufer uns ebenso wie motorisierte Fahrzeuge von den sensiblen Messinstrumenten im „sauberen Luft-Sektor“ fernhalten. Die dort durchgeführten Klima- und Atmosphärenexperimente könnten sonst gestört werden.

Im Zentrum des weitläufigen Stationsbereiches steht die große Nadel mit dem Südpol-Marker. 90 Grad Süd. Wir sind am Ziel. Es ist ein tolles Gefühl, hier zu stehen. Man glaubt beinahe, die Erde quietschen zu hören, die sich hier um ihre Achse dreht. In jede Richtung blicken wir nach Norden. Wie spät ist es eigentlich? Das hängt davon ab, in welche Himmelsrichtung wir schauen, denn am Südpol laufen mit den Längengraden auch alle Zeitzonen der Erde zusammen. In der Praxis ticken die Uhren hier aber nach Neuseeland-Zeit, da die Südpolstation die gleiche Zeit verwendet wie die US-Basis McMurdo am Rossmeer. Da wir aber aus Richtung Südamerika kommen, erleben wir beim Betreten der Station einen Zeitsprung von 16 Stunden. Am Südpol verschwimmen Raum und Zeit auf seltsame Weise.

Am ersten Januar jeden Jahres wird der Südpol-Marker auf den Zentimeter genau neu vermessen und dann um rund zehn Meter versetzt. Das geschieht jedoch nicht, weil der Südpol wandert. Vielmehr bewegt sich das Gletschereis an dieser Stelle mitsamt der Amundsen-Scott Station im Laufe eines Jahres um rund zehn Meter in Richtung des Wedell-Meeres. Alles ist – wie so oft im Leben – eine Frage des Standpunktes. Nicht weit entfernt vom Südpol-Marker steht der sogenannte „zeremonielle Pol“ mit der legendären Metallkugel und den Fahnen der zwölf Signatarstaaten des Antarktisvertrages. Zu unserer großen Überraschung und Freude dürfen wir dann die Station betreten und bekommen von einem Mitarbeiter sogar eine Führung.

Wir können eigentlich kaum begreifen, an was für einem einzigartigen Ort wir hier sind. Wer die ebenso faszinierende wie unwirtliche und lebensfeindliche Welt der inneren Antarktis selbst und aus eigener Kraft erlebt hat, kehrt nicht nur mit gestärkten Muskeln, ein paar Kilo leichter und etwas schlafbedürftig nach Hause zurück, sondern vor allem um eine ganz besondere Erfahrung reicher.
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